Im nördlichen Zipfel des Werra-Meissner-Kreises tut sich was. Ein Investor will die (günstige) Lage am zukünftigen Autobahndreieck nutzen und einen riesigen Gewerbepark errichten. Die Wogen schlagen hoch. Die Befürworter sehen endlich den Beginn des lange erwarteten Booms für unsere Region im Herzen von Europa und die Gegner sehen in erster Linie die Zerstörung der Natur und Wohnqualität, sowie die Vernichtung vieler Arbeitsplätze. Wir beginnen unsere Berichterstattung mit drei Leserbriefen aus der Witzenhäuser Allgemeinen vom 20.3.2002.
Leserbrief 1
Rufmord in übelster Weise
...Es ist schon erstaunlich, mit welcher Sorglosigkeit die Funktionäre die Tatsache ignorieren dass sich unter den Gegnern des Industriegiganten auch viele Mitglieder des DGB befinden. Ist es nicht die besondere Aufgabe des DGB, die Arbeitnehmer vor dem Missbrauch wirtschaftlicher Macht zu schützen?

Ich bin überzeugt davon, dass der Vorstand es bisher unterlassen hat, sich über das Betriebsklima bei der Wal-Mart-Tochter Gazeley Properties zu informieren.

Mit einer so infamen Beleidigung der Menschen, die nach Gründlicher, verantwortungsbewusster Recherche, gerade diesen Großkonzern ablehnen, hat der Vorstand zwar an Profil gewonnen - allerdings durch unanständiges Verhalten und mangelndes Demokratieverständnis!

Bürger, die sich für ihre Nachkommen und für eine gesunde Umwelt verantwortlich fühlen, und wissenschaftlich zu belegende Argumente gegen den Magna-Park einbringen können, werden öffentlich beschimpft

Das ist Rufmord in übelster Weise. Der Umgang mit der Not der Arbeitslosen, die dazu benutzt werden, um einem Großkonzern gefällig zu sein, ist nicht nur würdelos - das ist menschenverachtend.

Es ist billige Meinungsmache wenn der Vorstand behauptet, dass die Gegner des Logistikzentrums jegliche Gewerbeansiedlung ablehnen. Auch das entspricht nicht der Wahrheit und man sollte derartige Äußerungen, die schon im Ansatz zu widerlegen sind, unterlassen.

Margarete v. Schnehen, Friedland

Leserbrief 2
Blind gegenüber Fakten
Wie blind muss Herr Quanz sein, wenn er die Chance einer großflächigen Gewerbeansiedlung bei Marzhausen sieht. Die Absichten der Wal-Mart-Tochter Gazeley Properties zeigen deutlich, dass keinerlei Gewerbe bei Marzhausen angesiedelt werden soll, sondern lediglich Depots und Verteilzentren. Herr Quanz verhält sich aber nicht nur blind gegenüber den Fakten. Er täuscht offenbar die Öffentlichkeit absichtsvoll. Er spricht von über 1000 Arbeitsplätzen, ohne mitzuteilen, dass es zum „Erfolgsrezept" dieses Konzerns gehört, weltweit Arbeitsplätze durch Rationalisierung und Globalisierung abzubauen. In einer solchen Firrnenphilosophie liegt auch der Ruin vieler klein- und mittelständischer Unternehmen. Sollten sich die Sorgen eines SPD-Landtagskandidaten nicht um solche Fakten drehen?

Prof. Dr. Sigmar Groeneveld, Neu-Eichenberg

Leserbrief 3
Fragwürdiges Arbeitsplatzargument
Im Leinetal werden mit der beabsichtigten Ansiedlung der Firma Gazeley Properties, Tochter des amerikanischen Wal-Mart-Konzerns, Probleme aufgeworfen, die nicht nur die Landwirtschaft einer bisher landwirtschaftlich geprägten Region betreffen. Vielmehr wird die gesamte heimische Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen....

Aber ist in dem hier vorliegenden Fall überhaupt erwiesen, dass die Ansiedlung eines kapitalkräftigen Investors mit bekannten Preis-Dumpings-Methoden tatsächlich zu mehr Arbeitsplätzen in der Region führt? Vielmehr kann und muss davon ausgegangen werden, dass durch Ruin der in der zurzeit bestehenden Mittelstands-Struktur per Saldo ein Verlust an Arbeitsplätzen eintritt.

Ohne sich Neuentwicklungen verschließen zu wollen, kann der dort tätigen Wirtschaft empfohlen werden, sich dem Vorhaben des amerikanischen Weltkonzerns entschieden zu widersetzen. Daneben sind zumindest zwei Interessengruppen zu beleuchten:

1. Von „Verkaufs-Hysterie" befallene Landwirte? Nüchtern betrachtet könnten die im Planungsgebiet wirtschaftenden Landwirte das "gröBte Geschäft" ihres Lebens machen. Mit Millionen in der Tasche würden sie ohnehin die Region verlassen und denken, was nach uns dort geschieht, ist uns völlig egal. Getreu dem Motto: "Nach uns die Sintflut!"

Niemandem dürfte verborgen geblieben sein, dass nach Jahren eines rigorosen Strukturwandels, auch in der Landwirtschaft, nach einer Periode des „Wachsens und Weichens", die Solidarität unter Landwirten erheblichen Schaden genommen hat.

Die Aussicht, durch Verkauf im Leinetal und Erwerb größerer Betriebseinheiten anderswo die Malaise der Niedrigpreise für landwirtschaftliche Produkte besser zu überstehen, ist nur zu verlockend. Wer immer für den Verkauf seines Eigentums angesprochen wird, muss die Entscheidung in Verantwortung für das Schicksal seiner Heimat und Region fällen. Im hohen Maß bedauernswert wäre, wenn durch eine finanziell angespannte Lage der heimischen Landwirtschaft einem amerikanischen Konzern wie Wal-Mart der Einbruch in das weitgehend heile Leinetal gelänge: mit vorhersehbaren Folgen für Landschaft und Umwelt.....

Carl Behrens, Söhlde